Entlaufen ... der Alptraum!


Als ich in Rainards SchildiListe u. A. das Thema »entlaufen« mitverfolgte, hatte ich eigentlich nicht dabei den Hintergedanken, daß mir das auch passieren könnte, jedenfalls nicht so schnell - denkste!

Nachdem das Jahr 2000 doch so gut angefangen hatte, hatten wir ja dann diesen unfreundlichen Juli - ein Grund mehr, die Schildis abends immer einzusammeln (auf diese Weise hoffe ich ja auch, sie daran zu gewöhnen, nachts immer das Schutzhaus aufzusuchen). Der Gartenbereich ums Gehege war ja für meine bislang nichtkletternden, nichtgrabenden Schildis hinreichend dicht, deshalb durften sie immer frei durch Rasen, Hecken und Dickicht auf Entdeckungtour gehen, was das Sammeln nicht gerade vereinfachte. Mit der Zeit aber fand ich sie zu fortgeschrittener Stunde im wesentlichen immer an denselben Stellen und Verstecken. Wenn nicht, bedeutete das Aufwand, aber nach spätestens einer halben Stunde intensiver Suche (was tut man nicht alles) waren sie immer gefunden.

Bis auf Aristoteles, der gerne draußen übernachtet und dann jedesmal woanders steckt. Letztes Jahr war er dabei schon einmal findiger als ich; am nächsten Morgen sah ich ihn dann bereits wieder mitten auf dem Rasen, wo er seiner Lieblingstätigkeit nachging - Thekla belästigen.

So dachte ich mir denn auch nichts weiter dabei, als ich es an einem Dienstagabend etwas eiliger hatte, und Schneewittchen nicht in den Vorzugsverstecken finden konnte. Gerade Schneewittchen, mein Morgenmuffel und eher die ruhigste (schon fast beunruhigend) meiner Schildis, die letzte, die ausbrechen würde. Suchen - ach was! Die findet sich morgen wieder ein...

Die nächsten Tage war schlechtes Wetter - keine Chance, daß die Schildkröte sich freiwillig zeigt. Natürlich ging jetzt allmählich die große Suche los, zuerst mal im Garten; die Blumenbeete wurden radikal ausgemistet, jeder Stein umgedreht, und der Versteckteil der Hecken von Hand und teils ganz vorsichtig mit dem Unkrautstecher durchsucht. Fehlanzeige!

Das macht man so zwei- bis dreimal, danach kommt unweigerlich der Punkt, an dem die Grenzen des Suchgebiets in Zweifel gezogen werden. Die anderen Schildis hatten ohnehin derweil Haus- bzw. Gehegearrest, und so untersuchte ich jeden Zentimeter der Begrenzung oben und unterirdisch auf Schwachstellen, und fand auch ein paar, aber nichts Konkretes.

Was mich nicht daran hinderte, den wahrscheinlichsten Fluchtweg zu verfolgen. Schneewittchen ist eine von meinen kleineren Schildis, und so könnte ich mir auch vorstellen, daß vielleicht eine der Elstern in der Nachbarschaft sie bis über den Zaun mitgenommen und dann als doch zu schwer irgendwo fallengelassen hat. Auch die Nachbarskatze durchquerte den Garten in den folgenden Tagen mit zunehmender Lebensgefahr. Nun ja. Meine Schildkröten wenden sich beim Wandern vor allem in Richtung Süden. Dort kommt eine Straße, und nach der Stelle mit dem abgesenkten Bordstein gibt es mehrere Möglichkeiten. Dort lief ich dann öfter Streife bis zum Bach und der Autobahn.

Theoretisch hätten sie auch die Heizungsmonteure, die just an jenem Dienstag durch den Garten zum Heizraum mußten, mitnehmen können. Einer der Gründe, weshalb ich die Belohnung etwas hoch gewählt habe. Falls sie jemand geklaut und damit womöglich in der Kneipe bereits angegeben hat, der soll schwitzen, schwitzen, schwitzen...

Als erstes habe ich das nächstgelegene Tierheim angerufen, dann die Stadtverwaltung; dort hat dann ein wirklich freundlicher und engagierter Mensch gesagt, daß es da mehrere Stellen dafür gibt (Fundamt, Bauhof, Tierschutz,... ), und er kümmert sich drum und ruft dann zurück. Leider war sie dort nirgends aufgetaucht. Ganz radikal dagegen der Beamte vom Regierungspräsidium, den ich anrief, um zu erfahren, ob es dort auch eine Vermißtenkartei gäbe; "Nein, schicken Sie uns eine formlose Abmeldung - auf Wiederhören! »Klick«."

Fotos hatte ich genug von der Kleinen, und so stellte ich einen Fahndungsbrief zusammen, den ich ans Tierheim, die Tierärzte und Zoohandlungen in der Umgebung verteilte. Und an andere Schildihalter im Ort. Ich habe auch ein paar Exemplare an Spaziergänger und Fahrradfahrer verteilt, die im Suchgebiet unterwegs waren. Nur den Vorschlag mit dem Bekleben von Laternenmasten habe ich gelassen - das gibt wohl nur Ärger.

Ach ja, bei der Zeitung war ich natürlich auch, um meine Suchanzeige aufzugeben.

Quasi rein zufällig fand ich sie dann 9 Tage später wieder. Eigentlich fand Hektor sie bei einem der nun bewachten Ausflüge aus dem Gehege; an einer Stelle verharrte er grundlos eine Weile. Völlig ungeeignete Stelle zum Vergraben, dennoch buddelte ich dort dann mal nach - und fand zu meiner Überraschung in fast zehn Zentimenter Tiefe ein schlafendes Schneewittchen vor!

Rückblickend betrachtet waren diese Tage so ziemlich das Schlimmste, was einem Schildipfleger passieren kann, fast noch schlimmer als ein Einbruch durch Marder oder Ratten - da gibt es wenigstens Gewißheit. So läuft man bei der Vorstellung, daß es Schildi nicht gut geht, sie irgendwo festhängt und nicht rauskann, oder sie sich womöglich gerade in diesem Moment anschickt, die Autobahn zu überqueren, langsam aber sicher auf dem Zahnfleisch. Ging mir jedenfalls so.


Eine kleine Aufstellung, was alles im hoffentlich nie eintretenden Bedarfsfall getan werden kann:


Die Wege, die eine Schildkröte zurücklegen kann, sind völlig unterschiedlich:



Kletterkünstler


Mit freundlicher Genehmigung der Familie Rodamer:
Speedy Gonzales auf dem Weg nach oben...


Speedy Gonzales

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