Vom Verstand her mag mir das Konzept des Winterschlafs noch so klar sein, irgendwie jedoch wird er mir vom Wesen her wohl immer fremd bleiben. Auch heute noch befällt mich immer wieder eine Art völlig irrationales schlechtes Gewissen, wenn ich mir vorstelle, daß diese wärmeliebenden Tiere in der Kälte bibbernd nach warmen Stellen suchend allmählich in den Winterschlaf fallen, während ich mich gemütlich im Warmen an der Heizung räkle.
Zum Winterschlaf der Schildkröten wurde schon viel geschrieben. Es gibt da einen Wunsch-Temperaturbereich von etwa 4 - 8°C (wobei eine von meinen bei 6-8°C aktiv blieb und mich bei jeder Kontrolle munter angrinste, statt sich einzugraben - muß eine arktische Schildkröte sein ;-) ), je nach Art nicht zu trocken oder nicht zu feucht. An der Realisierung scheiden sich dann die Geister: als da wären die Kategorien 'im Freien', im Keller, und im Kühlschrank.
Zur Überwinterung im Freien fällt mir ein schönes Foto in W. Kirsche: Die Landschildkröten Europas ein, das ein hundehüttenartiges Schutzhaus zeigt, welches bis zur Unkenntlichkeit mit Laub, Heu, Stroh und/oder was auch immer gefüllt, zu- und abgedeckt ist.
Während das in einem milden Winter vermutlich die naturnaheste und idealste Überwinterungsmethode ist, könnte ich persönlich mich wohl nie zu so etwas durchringen. Schließlich gibt man die Kontrolle und die Eingreifmöglichkeiten weitgehend ab; haben es die Schildis nun auch kalt genug, oder ist es ihnen schon zu kalt? Irgendein Züchter hat mir mal am Telefon etwas erzählt von wegen, daß sich die Kröten bei Bedarf tiefer graben, wenn ihnen zu kalt wird. Wie ein wechselwarmes Tier, quasi halb in Froststarre, sich womöglich in den harten Boden hinein so einfach tiefer graben können soll, ist mir schleierhaft - also ich hätte da Schwierigkeiten. Um beruhigt schlafen zu können, würde ich für die Schildis wohl für irgendwelche Abstiegsmöglichkeiten bis eineinhalb Meter Tiefe sorgen, wo die jahreszeitlichen Temperaturschwankungen der Erdoberfläche bis zur Frostsicherheit weggemittelt werden (Wasserleitungen sind meines Wissens so ab 1.20 m Tiefe einigermaßen sicher gegen alles, was da an Kälte kommen kann, es gibt da interessante Rechnungen dazu). Plus Entwässerung für alle Fälle - nein, das ist wäre mir zu komplex.
Dann doch lieber gleich eine Unterbringung in einer Kiste im Keller. So überwintern Evas Schildkröten schon seit vielen Jahren: Eine Holzkiste genügender Größe, die auch seitlich ein, zwei Luftlöcher (ehem. Astlöcher) besitzt, wird am Boden mit Packpapier oder Zeitung ausgelegt (wenn Zeitung, dann Blätter mit möglichst wenig Druckerschwärze). Rechtzeitig im Wald gesammelte, gereinigte und halbwegs getrocknete Moosflächen (handverlesen, da oft mit Schimmel) in mehreren Schichten bilden den Bodenbereich, darüber kommen z.B. gesammelte Kastanienblätter (Kastanienblätter verrotten nicht so schnell wie anderes Laub). Die Schildkröten kommen dann obendrauf und können sich reinwühlen. Nicht vergessen werden darf eine aus- und einbruchssichere, aber nicht hermetische Abdeckung, ein Deckel mit Löchern oder ein Gitter. Nicht auszudenken, wenn eine Schildkröte schlafwandelnd aus der Kiste fällt.
Eine einigermaßen konstante Temperatur im richtigen Bereich, störungsfrei, ruhig, dunkel, sicher. Von der Feuchtigkeit abgesehen fast ideal.
So ähnlich hatte ich es mir auch vorgenommen. Das Ganze hatte bei mir bloß einen Fehler; bei mir laufen die Hauptrohre der Zentralheizung durch den gesamten Keller und sorgen offenbar alleine dadurch schon für viel zu hohe Temperaturen. Blieb erstmal nur die wenig benutzte Garage als Alternative übrig.
Fast acht Wochen lang erwies sich die Garage auch als brauchbar. Das heizbare Schutzhaus wurde auf einem stabilen Regal plaziert, eine Frontplatte mit Luftlöchern eingehängt und der Innenraum abgeteilt, so daß auch Elektronik und Akku mit drinnen verstaut werden konnten.
Weit näher den Außentemperaturen folgend als ein Keller, ließ sich mit minimaler Heizung als Frostschutz noch ganz gut auskommen. Danach kamen leider einige wärmere Tage, und die Garage offenbarte ihren Schwachpunkt: es wurde recht schnell darin zu warm. Ich könnte ja theoretisch für die Überwinterungskiste noch mit Peltierelementen usw. eine Kühlung bauen, aber an der Stelle wird's dann doch richtig aufwendig.
Also zogen meine Schildis eiligst in den geräumten und gereinigten Kühlschrank meiner Küche um. Von Weihnachten 1999 an habe ich mich dann also bis zum April überwiegend von Snacks und Keksen ernährt ;-)
Auch beim Kühlschrank blieben mir einige Unschönheiten nicht erspart. Nach einem Blick in die Betriebsanleitung und verschiedenen anderen Überlegungen fiel die Wahl der Unterbringung auf das Gemüsefach. Sinnigerweise sitzen bei diesem Kühlschrank aber genau dahinter die ganzen »lärmenden«, Schall und Vibrationen produzierenden Teile.
Ärger hatte ich auch mit dem Temperaturverhalten. Klar und auch im Manual angegeben ist ein räumliches Temperaturgefälle von vorn nach hinten und oben nach unten. Weiterhin wird irgendwo im Kühlschrank die Temperatur gemessen; überschreitet sie einen bestimmten Wert, schaltet die Kühleinrichtung ein, erreicht sie einen bestimmten zweiten Wert, schaltet sie wieder aus, so daß die Temperatur zeitlich schwankt. Als unangenehm bis erschreckend empfand ich die Höhe dieser Schwankungen und/oder die Differenz der Schalttemperaturen. In einer Einstellung wurde es im Gemüsefach bis über 8°C warm, drehte ich die Leistung etwas höher, maß ich am Boden des Gemüsefachs plötzlich einmal -1°.
Eine gute Idee ist es, die Temperaturschwankungen durch eingelagerte Flaschen (sagen wir Rotwein :-) ) zu dämpfen. Diese wirken wie große 'Temperaturspeicher' und wirken daher Temperaturänderungen der Luft im Innenraum des Kühlis ständig und eigentlich recht flott entgegen. Diese Flaschen und Behälter dürfen dann aber keinen direkten Kontakt zum Temperaturfühler haben, sonst geht der Schuß womöglich nach hinten los und die Schildis werden erst recht gefrostet, weil die Kühlung dann statt der Lufttemperatur den Rotwein mißt und wegen dessen größerer thermischer Trägheit dann zwei Stunden länger auf Hochlast läuft.
Ich habe die ganze Thematik rund um den Kühlschrank ansatzweise mal in der Schildiliste zur Diskussion gestellt und einige wertvolle Tips dazu bekommen. Im Herbst werde ich mir vmtl. einen Weinflaschenkühlschrank (nicht ~temperierschrank!) zulegen. Der ist relativ teuer, erschlägt aber sowohl das Temperatur- (durch sachte Umluftkühlung ist die Temperatur überall gleich) als auch das Vibrationsproblem (speziell gelagerter Kühlkompressor), und sorgt auch noch für Belüftung (Frischluft über Aktivkohlefilter) und Befeuchtung [Quelle]. Unglaublich was alles an Know-How für das Wohlergehen von Weinflaschen und Korken so entwickelt wurde. Ich hoffe nur, daß es Sokrates bem Minimum von etwa 5-6° dann auch kalt genug ist.
In der Winterstarre sind die Lebensfunktionen der Schildkröte ja stark heruntergefahren, aber ein bischen Luft zum Atmen braucht sie auch dann. Wenn ich die schriftlichen Quellen im Netz querlese, unterteilt sich die Gattung der Schildihalter bei den Kühlschranküberwinterern weiter in die Gruppe der Türöffner, die der Dichtbandentferner, die radikale Fraktion der Löcherbohrer und noch eine Reihe weiterer Splittergruppen. Ich gehöre aus naheliegenden Gründen bis jetzt zur Glaubensrichtung der Türöffner, schließlich brauch' ich meine Küche noch :-)
Kühlschrank
- Belastung durch Unterdruckstoß beim Öffnen bei intakter Dichtung.
- angenommen, man hält die Temperatur wirklich fast konstant: ist das auch gut, wenn die Tiere jeglichen Wetterschwankungen entwöhnt werden.