Anfang Oktober las ich von einer sehr günstigen weiblichen griechischen Landschildkröte bei Göppingen. Nun ist Oktober für seriöse Angebote eigentlich bereits nicht mehr die richtige Jahreszeit, aber das wollte ich mir dann doch wenigstens ansehen...
Dort empfing mich die Frau des ehemals passionierten Schildkrötenhalters. Auf alles gefaßt näherte ich mich im Garten dem Bereich mit dem Tier.
Dennoch fiel ich beim Anblick der Kröte innerlich aus allen Wolken; höckerig wie ein Kamel, ein Papageienschnabel bis zum Boden und auch seitlich weit überstehende, nach außen gebogene Hornschneiden, mühte sich Wilma gerade, etwas Tomate in sich reinzumanschen.
Vom Züchter im Alter von drei Jahren übernommen, dürfte sich die Schildkröte nach dem Panzer zu urteilen damals noch in gesundem Zustand befunden haben. Dann hat sich der Mann angeblich zwei Jahre lang rührend um seine Schildkröten gekümmert, und dann waren sie wohl plötzlich nicht mehr so interessant, und er hat ja auch so viel zu tun... Kein Wunder, denn spätestens dann dürften wohl die äußeren Anzeichen der konsequenten Fehlernährung sichtbar geworden sein.
Ein wohl leider klassischer Fall, den ich immer wieder so oder in Varianten geschildert bekommen habe. Trotzdem tut es weh, dies dann auch mit eigenen Augen quasi vor der Haustür sehen zu müssen.
Immerhin haben die Halter rund die Hälfte richtig gemacht: Geräumiges Terrarium und Freilandhaltung, konsequenter Winterschlaf im Gewölbekeller, ... Der Panzer ist - hmm - deformiert, aber hart und rund, also kein Porscherücken, die Schildkröte läuft gut und richtig und hat wenigstens die Krallen in der richtigen Länge. Die Augen sind klar, die Lider nicht geschwollen. Wenn ich so an den berühmten Pappkarton unter der Eckbank in der Küche denke: es... hätte schlimmer kommen können.
Aber was nützt das, wenn das Tier trotzdem zeitlebens ein armer Krüppel ist, nur weil sich die Käufer einfach nicht richtig über die Haltung informieren. Der Frau will ich da gar keinen Vorwurf machen, es waren ja 'seine' Schildkröten, und jetzt sind es offenbar ihre geworden, neben Haushalt, Hund, Katze und Kindern... Aber da sie keine Ahnung hatte, wie so eine Schildkröte eigentlich aussehen sollte, heißt das, daß bei der Familie nicht einmal ein einziges Buch über Schildkröten vorhanden ist, von denen ja doch alle mit Fotos reichlich gesegnet sind. Nur ein Blick darauf hätte genügt, um zu sehen. daß da etwas ganz und gar nicht stimmt, auch wenn die Veränderungen nur ganz allmählich zu Tage treten!
Ein offenes, waches Auge und gesunder Menschenverstand, mehr braucht's doch eigentlich nicht. Alles andere sind doch eher Folgefehler: hier war es vor allem die Ernährung. Ganz stolz hat die arme Frau mir auf meine Frage die Dose mit dem »Special Landschildkrötenfutter«1) präsentiert, um zu belegen, daß die Schildkröte was Gutes bekommt.
Von der Züchterin des Tieres, die dieses zwei Wochen nach dem Schlupf als weiblich in die Cites eintragen ließ, dürfte wohl auch keine großartige Beratung der Käufer gekommen sein. Wilma jedenfalls ist - nun, urteilt selbst...
Da die Familie demnächst umzieht und keinen Garten mehr hat, wurde mir die Schildkröte dann ein paar Tage später unverhofft doch überlassen.
Tja, und jetzt ist sie hier und testet meine Quarantänemöglichkeiten. Morgen geht's zum Tierarzt zum Behandlen des Schnabels, Blutuntersuchung, Herpestest, Kotuntersuchung... Und dann wird sich zeigen, ob die viel zu proteinreiche Fütterung auch die Nieren schon stark geschädigt hat, und wie die deutlichen Atemgeraeusche zu interpretieren sind...
1) Das meiste (ok, es gibt ein paar Ausnahmen, wie etwa Agrobs z.B.), was an kommerziellem Fertigfutter für Landschildkröten angeboten wird, ist leider ausschließlich für die Hersteller gesund, die im Übrigen auch gar nicht daran denken, ihre Rezepturen an Erkenntnisse über den Bedarf der Schildkröten anzupassen. Auch wenn genau das auf den Verpackungen gerne behauptet wird. Wenn es sich um Babynahrung handeln würde, säßen die vermutlich alle im Gefängnis, aber so...
Diese Fertigfutter (meist in Dosen mit sog. Pellets) verursachen Nierenprobleme durch den zu hohen Eiweißgehalt, der z.T auch noch tierischer Herkunft ist. (Im natürlichen Biotop sind je nach Quelle etwa 1..5 oder 2..5 % Eiweißgehalt in der Ernährung normal, in einigen Fertigfuttern sind es bis zu 43% Eiweiß bzw. Protein)
Zuviel tierisches Eiweiß führt auch zu überhöhten Wachstumsraten bei den Hornscheiden (Maul) sowie den Krallen. Des weiteren liegt hier neben einem allgemein zu schnellen Wachstum auch eine der möglichen Ursachen für die Höckerbildung am Panzer.
Noch wesentlich schlimmer aber sind die inneren Schädigungen: "Proteine werden zu Aminosäuren und dann zu Harnstoff und Harnsäure abgebaut. Bei Harnsäureüberschuß und/oder Wassermangel lagert sich Harnsäure in den inneren Organen ab, bevorzugt in Nieren, Herzbeutel und in den Gelenken. Diese Visceral- oder Gelenkgicht endet für Schildkröten über kurz oder lang tödlich." [aus einem Artikel von G. Weyl in pages.vossnet.de]